Geschichte des Trockenmauerbaus

Der Trockenmauerbau zählt zu den ursprünglichsten Bautechniken. Seine Geschichte beginnt, als die Menschen sesshaft wurden. Schon prähistorische Baumeister fügten die Steine nach ganz bestimmten Mustern zu stabilen Mauern zusammen. Die Trockenmauern der Megalithen-Kulturen dürften die ältesten sein. Beinahe in sämtlichen Regionen der Erde haben unabhängig von einander verschiedene Kulturen Techniken des Trockenmauerbaus entwickelt, die in ihren Grundprinzipien identisch sind. Die höchste Kunst und Perfektion in Steinbearbeitung und baulicher Verwendung erreichten schon in frühen Zeiten die Völker Lateinamerikas und die Ägypter.

In unseren Breiten sind Trockenmauern vorwiegend abseits der hohen Baukultur der Städte und Sitze der Macht entstanden. Sie sind Zeugen einer einfachen bäuerlichen Kultur, bei der es in erster Linie um die Erhaltung und die Verbesserung der Lebensgrundlagen ging. Wo Steine verfügbar waren, wurden Weideflächen mit freistehenden Mauern abgetrennt und steile Lagen mit Mauern terrassiert, um der Landschaft zusätzlich nutzbare Flächen abzuringen. Oder es wurden Bauten errichtet, die gegen Lawinen und Murgänge Schutz bieten sollten.

Diese Beispiele anonymer Architektur sind oftmals Gemeinschaftswerke, an deren Bau mehrere Generationen beteiligt waren. Trotzdem stellen viele von ihnen Zeugnisse einer Handwerkskunst dar: Sie bewältigen statische, hydrologische, bautechnische und wirtschaftliche Problemstellungen und genügen dabei in hohem Masse ästhetischen und ökologischen Anforderungen.

Landschaft und Ökologie

Kulturlandschaft erhalten. Trockenmauern tragen wesentlich zum Charakter und zur Identität einer Kulturlandschaft bei. Trotzdem sind sie gefährdet. Im Mittelland unterliegen intakte Kulturlandschaften - und mit ihnen die Trockenmauern - durch das Wachsen der Bauzonen und der maschinellen Bearbeitung der landwirtschaftlichen Flächen einer Nutzungskonkurrenz. In den Randregionen sind die Trockenmauern oft wegen Nutzungsaufgabe gefährdet. Ohne gezielte Massnahmen werden diese kulturhistorischen Relikte nach und nach aus unseren Landschaften verschwinden.

Ökosysteme vernetzen. Trockenmauern haben ein hohes Vernetzungspotenzial in der Landschaft: Sie sind einerseits Trittsteinbiotop und bieten Lebensräume, die von bestimmten Arten nur vorübergehend bewohnt werden; und sie dienen als Wanderkorridor. Trockenmauern ermöglichen den Austausch von Arten und von Erbmaterial. Falls an einem Ort Lebensgrundlagen zu gering sind, kann in vernetzten Systemen an andere Orte ausgewichen werden. Vernetzte Landschaften haben eigene Zyklen und bilden stabile Systeme. Massnahmen im Zusammenhang mit der Vernetzung von ökologischen Ausgleichsflächen werden vom Bund finanziell unterstützt.

Artenvielfalt fördern. In einer Trockenmauer herrschen auf kleinem Raum die unterschiedlichsten Bedingungen. Die mikroklimatischen Verhältnisse im Fundamentbereich, in der Mauerkrone, im Mauerinnern und in den Ritzen auf der Nord¬ oder Südseite sind komplett verschieden. Entsprechend bietet die Trockenmauer wertvolle Lebensräume und Refugien für viele verschiedenen Arten mit unterschiedlichsten Ansprüchen.